Apr
19
2017

Im liebenden Angedenken an Paul O´Neill

19 April 2017
Im liebenden Angedenken an Paul O´Neill

Paul O´Neill, der Trans-Siberian Orchestra in eine Quelle geliebter Tradition und zeitloser Geschichten verwandelt hat, und zugleich in ein Multimillionen-Dollar Unternehmen, verstarb im Alter von 60 Jahren nach seinem Kampf gegen eine chronische Erkrankung. In der Absicht, stets als Anführer an der Spitze zu stehen, behütete er seine gesundheitlichen Belange als Privatangelegenheit.

Paul gründete Trans-Siberian Orchestra anno 1996 mit der Vision einer Band, die konzeptorientiert war, fokussiert auf Kunst, und – genauso, wie die Welt selbst – einem ständigen Wandel unterworfen und zugleich von ewiger Beständigkeit war. Kurzum also all das, was bis dahin von Rock Musik nicht erwartet wurde. Als er starb, hatte er diesen Traum erreicht, indem er Trans-Siberian Orchestra zu einem der beliebtesten Tour-Acts des neuen Jahrtausend gemacht hatte, der in über 1.800 Shows vor mehr als 14 Millionen Fans auf der ganzen Welt aufspielte, und über 10 Millionen, mehrfach mit Platin ausgezeichnete, Alben verkaufte.

In Flushing, Queens, als zweites von 10 Kindern von Harold und Veronica geboren, begann Paul in der Mittelschule Gitarre zu spielen. Sein Vater, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, hatte eine große Arbeitsmoral. Er zog eine Familie auf, während er für seinen Doktortitel in Geschichte studierte und zugleich in den berühmten Bell Entwicklungslabors in Vollzeit arbeitete. Paul wuchs in  einem Zuhause auf, wo das Lernen und die Kreativität gefördert wurden. Er verschlang nicht nur Werke der Literatur, Geschichte und Philosophie, sondern erlernte die Erzählkunst auch, indem er den Geschichten seines Vaters und seiner irischen und italienischen Großmütter zuhörte. Die Lehren über Geschichte und Menschlichkeit, die er lernte, sollten sich wie ein roter Faden der Inspiration durch sein ganzes Leben ziehen.

Nachdem er einige Jahre in der wachsenden Rockszene in New York City gespielt hatte, konnte er einen Posten in einer der großen Künstleragenturen einnehmen, welche die Karrieren von Bands wie AC/DC und Aerosmith starteten. Er erlernte die Arbeit im Tonstudio und auf Konzerttourneen von der Pike auf, was ihm eine Vorstellung darüber gab, wie ein weltweit erfolgreicher Act kreiert werden kann. In den Achtzigern wurde er führender Konzertpromoter in Japan für Acts wie Madonna und Sting, und produzierte er die ersten Rock Festivals in Japan. Parallel war in die Studioarbeit eingebunden, wo er unter vielen anderen Alben Aerosmiths Classic Live I und II produzierte.
The Who´s Tommy war die inspirierende Initialzündung für Pauls schon früh gereifte Idee eines Konzeptalbums. Als Produzent und Co-Autor von Savatage, half er durchgehend konzeptionelle Werke wie Hall of the Mountain King, Gutter Ballett, Streets: A Rock Opera und Dead Winter Dead zu schaffen. 1996 gründete er dann Trans-Siberian Orchestra als das für ihn perfekte Mittel, um seiner Kunst und seinen Visionen von der Zukunft der Unterhaltung Ausdruck zu verleihen.

Paul gründete TSO jedoch nicht nur als “Idee”, sondern als “Ideal”. Indem er sich von den großen Erzählern, der Geschichte und ihren Helden inspirieren ließ, und dies mit seinem eigenen Erzählstil kombinierte, schaffte er eine der erfolgreichsten Tourbands ihrer Generation. Während die Produktion für sich genommen eine enorme und spektakuläre technische  Herausforderung  war, sollte die Show doch immer für jedermann sein. Er war ein starker Verfechter dafür, dass die TSO- Shows für jeden erschwinglich blieben und auch immer der Gesellschaft etwas zurückgaben.
Paul gab sein Herz und seine Seele dafür, das Unmögliche möglich zu machen; egal ob es darum ging, ein Privatflugzeug zu chartern, damit die Band im Anschluss an eine Show in Buffalo vor zwei Millionen Menschen an Silvester am Brandenburger Tor spielen konnte, oder ein noch nie zuvor gesehenes Konzert auf dem Wacken Open Air Festival aufzuführen, bei welchem TSO zwei Bühnen gleichzeitig simultan bespielte.

Mitte der 2000er Jahre übertrafen sich die Weihnachtstouren von Trans-Siberian Orchestra jährlich beim Ticketverkauf, sowohl in den USA, als auch weltweit, und zementierten so den Ruf der Band als eine feste Größe in der Weihnachtszeit. Zwei der Haupteinflüsse Pauls waren die Autoren Charles Dickens und Oscar Wilde, ersterer für dessen eigene Weihnachtsklassiker, letzterer für seinen fünffüßigen Jambus, den Paul für die Erzählung in seinen Shows nutzte (und der ihn zum Namen seiner Tochter inspirierte). Trans-Siberian Orchestra tourten mit mehreren Produktionen gleichzeitig, wobei er oftmals kreuz und quer durch Amerika von einem Konzert zum anderen flog.

Paul war zudem überzeugter Philanthrop, der mit TSO 14 Millionen Dollar an wohltätige Zwecke spendete, Schriftsteller (er schrieb eine 50-seitige Novelle, Merry Christmas, Rabbi), und  passionierter Student der Geschichte und Sammler seltener Artefakte – darunter signierte Ausgaben der Weihnachtsbücher Charles Dickens, Winston Churchills zweibändige Biographie seines Vaters, ebenso wie Briefe zahlreicher Honoratioren und Präsidenten, einschließlich eines Briefes Thomas Edisons an seinen Ingenieur, in welchem er jeden Schritt seiner Erfindung des Phonografen detailliert schildert, und vieler weiterer bedeutender Antiquitäten. Er liebte es, Zeit mit seinen Fans zu verbringen; Paul schilderte jedem seine Liebe zu seiner Familie, zeigte Fans dabei Fotos von seinem Leben zuhause, manchmal bis das Hallenpersonal damit begann, die Lichter auszuschalten und die Arena geschlossen wurde. Seine wohltätige Seite kannte keine Grenzen. Mehr als nur bei einer Gelegenheit gab er leichtfertig die Jacke von seinem Rücken einer offensichtlich obdachlosen Person, die ihm ins Auge gefallen war, oftmals mit mehreren Hundertdollarnoten in der Tasche.

Jene, die Paul besser kannten, wussten von seinen fortdauernden Schlachten mit seiner Gesundheit und von seiner Neigung, sich selbst zu überfordern, wenn er inmitten eines kreativen  Projekts steckte. Von den einsamen Wochen im Hotel, wenn er in seinem Studio in Florida arbeitete, über das Herumspringen auf einer Bühne voller Pyrotechnik bis zu den schlaflosen Flügen quer durch das  Land, all das verschlimmerte seine chronischen Leiden an der Wirbelsäule nach einem früher im Leben erfolgten chirurgischen Eingriff. Aber er hat es gerne getan, für die Musik und für die Fans. Wir erinnern uns gerne daran, wie er in einer Silvestershow in Berlin von einer acht Fuß hohen Bühne sprang, nur um einem Kind die Gitarre zu schenken, auf welcher er gerade gespielt hatte. Während alle zu Zeugen Pauls scheinbar übermenschlicher Kräfte wurden, waren nur wenige Zeuge davon, welchen körperlichen Preis ihm das abverlangte.

Pauls Leben glich dem einer seiner Musen, Ludwig van Beethoven. Wie auch bei Ludwig, war Pauls Gehör eine große Sorge, nachdem er über ein Jahrzehnt unter einer schmerzhaften, lähmenden und unheilbaren Form der Menieres Krankheit litt. Für Paul war dies ein fortwährender Kampf, der ihn zu einem Wettlauf gegen die Zeit veranlasste, um so viel wie möglich zu schreiben und Musik einzuspielen, bevor ihn, wie Beethoven, seine Ohren endgültig im Stich lassen würden.
Als er starb, verfügte Paul über zwei Rockopern in verschiedenen Stadien der Fertigstellung, darunter Romanov: When Kings Must Whisper, über die Russische Revolution 1917, und eine umfassend neu verfasste Version von Gutter Ballett. Beide waren für den Broadway vorgesehen.

Er hinterlässt seine Frau, Desiree; seine Tochter Ireland Wilde; seinen Vater Harold und seine neun Brüder und Schwestern.

Während wir in Schock und Trauer über das Ableben von Paul O´Neill verharren, bitten wir Euch, die gesamte TSO Familie, heute die üblichen Pfade zu verlassen und stattdessen in Erwägung zu ziehen, etwas außergewöhnlich mildtätiges oder großzügiges für jemanden zu tun, der weniger Glück hat, oder der einfach nur Hilfe benötigt.

Paul hat oft über Engel geschrieben, die zur Erde kamen, um ein Menschenleben zu unerwartetem Mitgefühl zu inspirieren. Bitte denkt heute darüber nach, Euren eigenen selbstlosen Akt der Barmherzigkeit vorzunehmen.

Wir können uns keinen besseren Weg vorstellen, einem derart mitfühlenden Menschen Respekt zu zollen.